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Ihre schönsten Hochzeitsgeschichten

Ob Pleiten und Pech oder der schönste Tag des Lebens: Wir haben Leserinnen und Leser nach Erinnerungen an ihre Hochzeit gefragt. Lesen Sie hier die besten Geschichten.

Mirja Gabathuler, Tina Huber
Aktualisiert am 29. Oktober 2022
Bild: zVg

Erika Fuhrmann*, 65 Jahre

Endlich verheiratet - dank Bestechung und Geduld

«Ich bin gebürtige Ungarin. Im Sommer 1982 machte ich einen Sprachaufenthalt in Lausanne, ich war damals Mitte 20. Am letzten Tag lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen, ein gemeinsamer Bekannter stellte uns im Strandbad einander vor. Am Abend gingen wir tanzen, und am nächsten Tag fragte er mich nach meiner Adresse. Die wollte ich ihm nicht geben. Aber ich würde ihm schreiben, wenn er mir seine gebe, sagte ich. Gleich nach meiner Rückkehr schickte ich ihm einen Brief in die Schweiz, und bald kam er mich in Ungarn besuchen.

Noch im gleichen Winter heirateten wir, am 28. Dezember 1982 in Budapest. Weil die Telefonrechnungen und seine Reisen zu mir zu teuer wurden, wie mein Mann schelmisch sagte. Es war eine einfache Hochzeit mit 10 Personen – und einem Übersetzer.

Damals konnten Ungarn und Ungarinnen nur alle fünf Jahre in den Westen reisen. Normalerweise hätten wir nach der Eheschliessung ungefähr sechs Monate getrennt leben und ich hätte auf meine Ausreise in die Schweiz warten müssen. Mit Beziehungen, Bestechung und Geduld klappte es schliesslich früher. Unter anderem bat ich einen Arzt, den ich kannte, mich krankzuschreiben, damit ich mich um die Dokumente kümmern konnte. Wir entschieden uns für einen Gips am linken Arm, weil ich noch mein Hochzeitskleid selbst anfertigen wollte. Danach musste ich ihm wöchentlich ein Couvert mit einem ‹Honorar› überreichen.

«Man hatte mich wie ein Flittchen behandelt, das mit einem Ausländer ins Bett geht.»

Mein damaliger staatlicher Arbeitgeber, bei dem ich als Sekretärin arbeitete, war sehr verständnisvoll und sagte: ‹Wenn du verliebt bist, dann hau ab, wir wissen offiziell von nichts. Aber du musst die Stelle wechseln.› Denn es war in Ungarn nicht erwünscht, dass Staatsangestellte in den Westen heiraten.

Ich musste also zuerst meine Stelle wechseln. Danach steckte ich mein ID-Heftchen in die Hosentasche und wusch es in der Waschmaschine kräftig mit, damit ich eine neue ID beantragen konnte, auf der nur die letzte Arbeitsstelle erschien.

Unsere Hochzeit hatten wir eigentlich für den 27. Dezember angekündigt, seine Eltern waren bereits unterwegs, meine Dokumente jedoch nicht vollständig. Denn bis das eine Papier fertig war, waren andere bereits abgelaufen. Im letzten Moment hatte eine Standesbeamtin jedoch Mitleid mit uns und vermählte uns ohne dieses letzte fehlende Dokument, einen Tag später als geplant.

Davor waren wir festlich gekleidet in einen Blumenladen geeilt und hatten den erstbesten Rosenstrauss geholt. Beide waren wir aufs Festessen gespannt, weil unser ‹Probeessen› vorher schiefgelaufen war: Man hatte mich wie ein Flittchen behandelt, das mit einem Ausländer ins Bett geht, dabei waren wir schon verlobt. Die Tischmusiker waren aufdringlich, und die überteuerte Rechnung stimmte nicht.

«Damals dachte man in der Schweiz, ich wollte nur einen reichen Schweizer heiraten.»

Bei unserer Hochzeit klappte dann alles ohne Pannen. Nach unserem Intervenieren war den Musikern verboten worden, sich unserem Tisch zu nähern. Doch was machte mein Schwiegervater? Er winkte den Musikern mit Forint-Noten, damit sie bei uns musizierten.

Am anderen Tag bat mein Mann mich, für seine Eltern sein ungarisches Lieblingsgericht zu kochen, eine Schmorpfanne namens Letscho. Die Zutaten dafür waren jedoch nur im Sommer erhältlich. Ich war verzweifelt, er aber sagte: ‹Sie wissen nicht, was Letscho ist, also sagen wir einfach, es sei Letscho.› So habe ich alles Mögliche in die Pfanne geschmissen, richtig scharf gewürzt und jedem ein Taschentuch dazugegeben. Meine Schwiegereltern schwärmten jahrelang davon, durften jedoch nie erfahren, was es hätte sein sollen.

Trotz allem würde ich meine Hochzeit gerne nochmals so erleben. Im Nachhinein wird die ganze Geschichte beim Erzählen immer lustiger. Damals dachte man in der Schweiz, ich wollte nur einen reichen Schweizer heiraten und aus Ungarn wegkommen. Dabei hatte ich in meiner Heimat eine gute Ausbildung, eine gute Stelle, einen guten Lohn, war selbstständig. Ich brauchte nicht zu fliehen.

Am Anfang verständigten mein Mann, ein Deutschschweizer, und ich uns auf Französisch. Ich hatte zu ihm stets gesagt: ‹Comme tu veux.›. Nun merkte ich: Meine Französischkenntnisse waren gut genug für die Liebe, aber nicht für eine Ehe.

«Einige Monate nach unserer Hochzeit war mein Mann von einem Polizisten ins Restaurant gebeten und ausgefragt worden.»

Später lebten wir als Verheiratete in Baselland, deshalb musste ich möglichst schnell Deutsch lernen. Auch das Hausfrauendasein kannte ich nicht, ich wollte arbeiten. Doch dafür war zuerst mein Deutsch nicht gut genug, dann hiess es, ich sei überqualifiziert. Später bekam ich Gefallen am Hausfrauenleben, weil ich daneben Sprachen lernen, Sport treiben, kreative Kurse besuchen, Übersetzungen machen und im eigenen Geschäft helfen konnte.

Als in der Schweiz die Fichenaffäre aufflog, erfuhr mein Mann, dass auch über ihn eine Staatsschutzfiche angelegt worden war. Weil er eine Ungarin geheiratet hatte. Da viele Stellen geschwärzt waren, konnten wir nicht einsehen, was genau protokolliert worden war. Einige Monate nach unserer Hochzeit jedoch war mein Mann von einem Polizisten ins Restaurant gebeten und ausgefragt worden. Erst viele Jahre später, nach dem Fichenskandal, erzählte mein Mann mir davon, er hatte mich damals nicht kränken wollen.

Unsere Ehe dauerte 20 Jahre. Unsere beiden Kinder empfanden unsere Scheidung als ‹super gemeistert›, deshalb habe ich zu ihrem Vater bis heute eine gute Beziehung. Ich habe auch wieder geheiratet.»

*Name geändert
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Die nächste Hochzeitsgeschichte lesen Sie am kommenden Samstag.