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Neuer Lesestoff

Die besten Bücher des Monats

Hier finden Sie den gut sortierten Lesestoff, den unsere Literaturredaktion empfiehlt.

Kulturredaktion
Aktualisiert am 19. Juli 2022

Der letzte Schrei

Yonatan Sagiv. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Verlag Kein & Aber, 2022.
Krimi
Foto: Tal Shahar
Mitten in der queeren Szene von Tel Aviv fasst Privatdetektiv Oded Chefer den Job, sich um ein Teenie-Popsternchen zu kümmern. Das kommt ihm nicht ungelegen, er möchte schon lange vom Champagner der Tel Aviver Elite trinken. Oded, der gern schönen Männern nachschaut, gerät in eine Affäre mit Stas, der für seinen Auftraggeber arbeitet, und dann verschwindet auch noch eine transsexuelle Frau. Zwischen Verführung und Verderben verstrickt sich der Privatdetektiv zwischen Israels Elite und denen, die ihnen diesen Luxus durch harte Arbeit ermöglichen. Und jetzt? Zum Champagnerbrunnen oder zurück zur queeren Community? Wem kann Oded wirklich trauen, auf wen ist Verlass? Wenn Sie schon zu viele Krimis gelesen haben, lesen Sie trotzdem «Der letzte Schrei». Dieses Buch ist ein Genre-Chamäleon. Witzig, divers und mit der richtigen Portion Lokalkolorit debütiert der israelische Autor Yonatan Sagiv erstmals auf Deutsch. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.0
(20 Bewertungen)
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Guerre

Louis-Ferdinand Céline. Paris, Gallimard 2022. Bisher nur auf Französisch.
Roman
Foto: Alamy Stock Photos
An Céline scheiden sich die Geister: Einer der grössten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war ab Mitte der 1930er-Jahre ein fanatischer Antisemit. Davon ist in diesem Roman noch nichts zu spüren, den er 1934, nach seinem Meisterwerk «Reise ans Ende der Nacht», schrieb. Sein Held und Alter Ego Ferdinand Bardamu wacht auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs auf, schwer verwundet, und schleppt sich in ein Lazarett, wo er von einer sadistischen Krankenschwester betreut wird. Céline schildert in grellen Farben die Groteske des Hinterlandes, verliert einen Freund an das Kriegsgericht, tut sich mit seiner Witwe, einer Prostituierten, zusammen, um englische Offiziere auszunehmen, und gelangt schliesslich nach England: Fortsetzung folgt im Roman «Londres», der im Herbst erscheinen soll. Diese und andere Manuskripte galten lange als verschollen, nachdem sie aus Célines Pariser Wohnung gestohlen worden waren. Vergangenes Jahr tauchten sie auf, sollen nach und nach veröffentlicht werden und werden die Debatten zwischen Bewunderern und Verächtern – und im Kopf derer, die beides nicht zusammenkriegen – weiter am Leben erhalten. (ebl)
Leserbewertung
ø 4.0
(6 Bewertungen)
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Schlachtensee

Helene Hegemann. Stories. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2022.
Kurzgeschichten
Foto: Joachim Gern
Maria umarmt die Frau, die sie wahrscheinlich liebt, so fest, dass diese am nächsten Morgen aussieht, als sei sie verprügelt worden. Solche Bilder trifft man in den «Stories» von Helene Hegemann an, wenn sie vom Versuch einer Annäherung erzählt und das Scheitern sofort folgt. Und wenn jemand weint, hat er Tränen wie «Urin von jemandem, der zu wenig getrunken hat». Es sind Kurzgeschichten, Episoden, die mit Kraft und Komik das Durchschnittliche feiern. Die Figuren heissen Dustin, Jacoby oder Safran, und sie sind aufgebracht, gezeichnet vom Spätkapitalismus oder verheddern sich in polyamoren Konstellationen. Es wird viel getrunken, bis dann alle auch wieder pragmatisch werden – ohne überspannt zu wirken. Wie utopisch ist die Liebe wirklich, und was lässt sich an Seelischem vielleicht doch noch reparieren? Manchmal wird Snoopy zitiert, wenn der krebskranke Vater die Tochter trösten will. Das alles wäre nicht auszuhalten, wenn die Autorin nicht mit angenehm ruhigem Blick auf all das Ringen und Zetern schauen würde. Hegemanns eskalierende Prosa ist von einer wunderbaren Fragilität. Und manchmal wird man Zeugin, wie der nächste tolle Satz den vorherigen überholen will. (zuk)
Leserbewertung
ø 2.5
(14 Bewertungen)
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Heilige Schrift I

Wolfram Lotz. Fischer-Verlag, 2022.
Tagebuch
Foto: André Simonow
So monumental der Titel anmutet, so spielerisch kommt dieses Tagebuch des Dramatikers Lotz daher. Was passiert: Wolfram Lotz hat einfach ein Jahr lang alles aufgeschrieben, was er erlebt und denkt. Wobei man in diesem luziden Gedankengetänzel teils gar nicht weiss, was nun alles wahr ist. Völlig egal, weil es sehr witzig ist. Ob nun Sloterdijk und «Dingsbums» Gumbrecht sich Kondome über den Kopf ziehen und sich darin duellieren, bei wem der Gummi zuerst platzt, oder ein Mädchen mit «Weizenhaar» in der Wiese einen Hund herzt, in Capslock «Hirnis» zuunterst auf einer der Seiten steht und Peter Handke wirklich nicht wandern will, weil es ihm zu nass sei vor lauter Regen – das ist alles toll und ein bisschen wie Beni Bischof in grösser und deutscher. Listen, Notizen, Blödsinn und Aphorismen, alles da. Unverzeihlich ist bei diesem Buch aber der Umstand, dass der «Heiligen Schrift I» ein Lesebändchen fehlt. (zuk)
Leserbewertung
ø 2.5
(8 Bewertungen)
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Das Flirren der Dinge

Raffaella Romagnolo. Diogenes-Verlag, Zürich 2022.
Roman
Foto: Keystone
Der Waisenknabe Antonio hat seit der Kindheit ein krankes Auge. In aller Regel ist dieses mit einer Binde abgedeckt – ausser wenn er fotografiert. Denn in der Obhut des Fotografen Alessandro Pavia hat er dessen noch junges Handwerk erlernt und ist künftig regelmässig dort, wo in Italien Geschichte geschrieben wird: Antonio fotografiert mit seinem Lehrmeister die tausend Soldaten, die mit Garibaldi die Schlacht bei Bezzecca 1866 geschlagen haben. Er ist in den Strassen Mailands beim Arbeiteraufstand von 1898, aber auch 1915 in Genua, als der Schriftsteller Gabriele D'Annunzio die Massen für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg begeistert. Nur Geschichtslektion ist der finessenreiche Roman aber trotzdem nicht – dafür sorgt ein klein wenig Magie: Antonio sieht mit seinem kranken Auge durch die Linse den Tod anderer voraus. Nicht immer eine angenehme Gabe, gerade wenn es die eigene «Familie» betrifft, die er im Lauf der Jahre um sich sammelt. (boe)
Leserbewertung
ø 4.0
(13 Bewertungen)
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Das Leben vor uns

Kristina Gorcheva-Newberry. Aus dem Englischen von Claudia Wenner. C.H. Beck, München 2022.
Roman
Foto: Ivan Morozov
Anja und Milka erinnern als Freundinnenpaar an Lila und Lenu von Elena Ferrante: Die eine hat die Perspektive bekommen, die andere Temperament, Skrupellosigkeit und Tragik. Die beiden wachsen in der Sowjetunion der Breschnew-Zeit auf. In der Familie der Icherzählerin Anja sind unerschütterliche Regimetreue (der Vater), beinharte Systemkritik (die Mutter) und stille Duldung (die Grossmutter, die die Leningrad-Blockade überlebt hat) in stetem Streit vereint. Mit Milka und den beiden Jungen Lopatin und Trifonow bildet Anja ein heterogenes Quartett; jeder sucht in der grauen Agonie des Regimes seine eigenen Lebens- und Glücksfarben. Für Anja ist das die Datscha der Familie ausserhalb Moskaus mit ihren vielen verschiedenen Apfelbäumen. Viele Jahre später kehrt sie aus den USA, wo sie inzwischen lebt, in das Putin-Russland zurück, und nun gehört Lopatin zu jenen neuen Geldmenschen, die die Datschen ihren Besitzern abluchsen wollen. Kristina Gorcheva-Newberry, selbst in der Sowjetunion aufgewachsen, seit 1995 in den USA lebend, lässt ihre Jugend durch Gespräche, Gerüche und Geschmäcker aufleben. Neben diesen sinnlichen Qualitäten vermittelt der Roman einen Blick auf den Westen aus sowjetischer Sicht: von Sehnsucht geprägt, von Propaganda verzerrt. Man begreift, an welche Prägungen die heutigen Staatsmedien Russlands anknüpfen können. (ebl)
Leserbewertung
ø 3.0
(5 Bewertungen)
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Saugut und ein wenig wie wir – eine Geschichte über das Schwein

Kristoffer Hatteland Endresen. Westend-Verlag, Frankfurt a. Main 2022.
Sachbuch
Foto: privat
Wussten Sie, dass Schweine im Mittelalter vor Gericht verurteilt und dann vor johlendem Publikum gehängt wurden? Eines der Verbrechen, dem sie sich schuldig gemacht hatten: Sie knabberten in den Gassen der Städte Menschenskinder an… Mensch und Schwein leben schon viel länger in den gleichen Habitaten – weil sie wohl bereits in der Steinzeit gegenseitig voneinander profitierten. Für die Vierbeiner fielen Lebensmittelreste ab; die Zweibeiner konnten dafür in unmittelbarer Nähe zur Höhle ihr Fleisch erlegen. Das Sachbuch von Kristoffer Hatteland Endresen, der für die Recherche selbst monatelang in einem Stall mit Massentierhaltung mitgearbeitet hat (ein Interview mit ihm lesen Sie hier), ist voller bemerkenswerter Fakten: So sind Hausschweine zumindest bei Computerspielen intelligenter als Hunde. Und auch als Organlieferanten für uns Menschen bieten sie sich dank genetischer Ähnlichkeit an. Wieso das Schwein trotzdem in vielen Sprachen für Flüche hinhalten muss? Auch die Antwort auf diese schweinische Frage bleibt der Norweger nicht schuldig. (boe)
Leserbewertung
ø 3.5
(8 Bewertungen)
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The Sentence

Louise Erdrich. Harper Collins, 2021. Bisher nur auf Englisch.
Roman
Foto: Ulf Andersen
Gespenstisches geschieht im neuen Roman der gefeierten Schriftstellerin Louise Erdrich aus Amerika (Pulitzerpreis für «Der Nachtwächter»). Der kleine Buchladen, spezialisiert auf indigene Literatur und Hauptschauplatz der Geschichte, wird vom Geist einer verstorbenen Stammkundin heimgesucht. Hinzu kommt die beängstigende Leere, die in der Pandemie über die persönlicheren Geschäfte fällt, und als wäre das nicht genug, erschrickt die Protagonistin Tookie über Vorkommnisse wie den Telefonanruf eines Menschen, «der noch nicht dreissig ist». Das Bezaubernde an diesem entspannten Roman ist die Liebe zu den Büchern: Tookie hat einige anspruchsvolle Kunden, und am Schluss empfiehlt sie uns sogar mehr als 150 Romane, die sich lohnen (Autorin Erdrich führt selbst einen Buchladen in Minneapolis). Für die Bibliophilen ein absoluter Genuss. (blu)
Leserbewertung
ø 3.5
(3 Bewertungen)
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Die Stärke der Frauen

Denis Mukwege. Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus und Cornelia Stoll. C. Bertelsmann, München 2022.
Sachbuch
Foto: Keystone
Die Verletzungen, mit denen Frauen in Dr. Denis Mukweges Krankenhaus in der Stadt Bukavu im Ostkongo eingeliefert werden, sind grauenvoll. Der Gynäkologe ist spezialisiert darauf, Opfer von Kriegsvergewaltigungen zu behandeln. Und doch sind es die Geschichten der Frauen, die zu ihm kommen, die den Arzt dazu bewegen, jeden Tag weiterzumachen. «Die Widerstandskraft meiner Patientinnen beeindruckte mich zutiefst und inspirierte mich», schreibt er in seinem Buch, das weit über die einzelnen Geschichten aus dem Panzi-Krankenhaus hinausgeht. Denn mittlerweile ist aus dem Arzt auch ein Aktivist – und Friedensnobelpreisträger – geworden, der weltweit Vorträge hält, die kongolesische Regierung und die internationale Gemeinschaft kritisiert, weil sie Täter zu oft nicht bestrafen, und darüber spricht, wie die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu Gewalt führt. Sein Buch ist ein eindringlicher Appell, sich gegen sexualisierte Gewalt und für Frauenrechte einzusetzen – gerade auch als Mann. (ahl)
Leserbewertung
ø 4.5
(11 Bewertungen)
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Internat

Serhij Zhadan. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp, 2018.
Roman
Foto: Keystone
Er galt lange als furioser Punk unter den Schriftstellern, schrieb genauso gut Gedichte wie Romane und machte daneben noch Musik. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan promovierte über den ukrainischen Futurismus und prägt seit 1991 die junge Szene in Charkiw. Die BBC kürte sein Buch «Die Erfindung des Jazz im Donbass» zum «Buch des Jahrzehnts». Vor kurzem wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Mitten im Krieg. Wer Serhij Zhadan noch nicht kennt, sollte sich seinem Werk annähern. Anfangen könnte man mit seinem Roman «Internat» (2018). Ein Lehrer versucht, seinen kleinen Neffen aus einem Internat zu holen, das unter Beschuss ist. Eindringlich folgt man dem Heimweg der beiden, der sie durch eine einstmals urbane Gegend führt. Die beiden sind dann aber unterwegs zwischen Gewehren und Minen – es ist die Apokalypse überhaupt. Zhadan erzählt mit sprachlicher Brillanz von widerspenstigen und trotzigen Menschen mitten im Krieg, die sich den Widrigkeiten widersetzen und das Vertraute nicht dem Fremden überlassen können. (zuk)
Leserbewertung
ø 4.5
(10 Bewertungen)
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Time is A Mother

Ocean Vuong. Penguin Press. New York, 2022. Bisher nur auf Englisch
Lyrik
Foto: Luca Bruno
Er wird mit Walt Whitman und Emily Dickinson verglichen, hat unter anderem den renommierten T.S. Eliot Prize gewonnen, sein Debütroman «Auf Erden sind wir kurz grandios» wurde weltweit gefeiert. Und bereits in diesem wurden Ocean Vuongs Wurzeln in der Lyrik deutlich. Zu diesen ist der vietnamesisch-amerikanische Schriftsteller nun zurückgekehrt: «Time Is A Mother» entstand nach dem Tod seiner Mutter, die 2019 an Brustkrebs erkrankte. Und dieser Verlust und die tiefe Trauer sind auch in den Gedichten deutlich spürbar; manchmal leise und manchmal laut, oft auch mit direkten oder indirekten Referenzen auf Gewalt. Familie, seine Mutter, ihre Herkunft und Flucht aus Vietnam – um diese Themen dreht sich Vuongs Schreiben seit je. Mit den teilweise extremen Setzungen mittels Umbrüchen und Einzügen erhalten Vuongs Gedichte eine zusätzliche Wucht und Direktheit. Die Sammlung zeigt, welche Kraft Lyrik haben kann. Und weshalb es sich lohnt, die kurzen Texte auch mehrmals zu lesen. (aho)
Leserbewertung
ø 5.0
(4 Bewertungen)
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Wolodymyr Selenskyj: Geburt eines Helden

Régis Genté, Stéphane Siohan. Aus dem Französischen von Aurelia Zanetti und Andrea Roux. edition gai saber. Zürich, 2022.
Sachbuch
Foto: Keystone
Seit dem 24. Februar 2022 um 6 Uhr morgens sieht man den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski bei seinen Auftritten stets in seinem unterdessen ikonischen, khakifarbenen T-Shirt vor der Kamera. Wer ist dieser Mann, der von sich sagt «Ich bin ein Produkt. Seit fünfzehn Jahren produziere ich Botschaften, ich sehe mich als Profi auf diesem Gebiet, der das auch auf der Staatsebene rüberbringen kann»? Worauf die internationale Presse panisch wurde, dass bald ein Clown Präsident werden könnte. Mit Abstand am spannendsten ist der Teil, in dem die Verflechtungen zwischen Selenski und dem Oligarchen Ihor Kolomojski aufgeschlüsselt werden. Selenski sei immer wieder nach Tel Aviv und Genf geflogen, wo sich der Oligarch aufhielt. Der IWF und die USA sahen ihre Darlehen in den Taschen der Oligarchen verschwinden. In einer Mischung aus Zugewandtheit und kritischer Distanz wird hier auf nur 200 Seiten (wunderbar zugänglich übersetzt!) vom Leben eines Mannes, eines Pazifisten, erzählt, der zwischen leichter Fiktion und brutaler Realität eine tiefe Aversion gegen Kriege hat. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.0
(8 Bewertungen)
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