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Welche Länder die Kurve am schnellsten drücken konnten
Eine ungewöhnliche Grafik zeigt, welche Länder die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen vermochten.

Marc Brupbacher, Andreas Moor
Aktualisiert am 7. Mai 2020

Alle von der Covid-19-Epidemie betroffenen Staaten verfolgen das gleiche primäre Ziel: die Verbreitung von Sars-CoV-2 eindämmen und so neue Erkrankungen verhindern. Während gewisse Länder mittels konsequentem Social Distancing und Herunterfahren des öffentlichen Lebens deutliche Erfolge verbuchen konnten, befinden sich andere noch immer in einer Phase der ungebremsten Ausbreitung.

Eine ungewohnte Perpektive auf die Fallzahlen bietet der Vergleich der täglich hinzukommenden Neuinfektionen mit der Anzahl aller bestätigten Fälle: Hier wird die Verlangsamung des Wachstums deutlicher als bei einer Betrachtung auf der Zeitachse – wo ein Abwärtstrend vorhanden ist, wird er als steil abfallende Kurve sichtbar. Die Grafik zeigt natürlich stets nur eine Momentaufnahme; ob der Erfolg von Dauer ist, wird erst die Zukunft weisen.

Gruppe 1: Auf Erfolgskurs

Anzahl täglicher Neuinfektionen verglichen mit der Anzahl aller Fälle, logarithmische Skalen

Worauf Sie achten sollten:
Sobald die Länderlinien nach unten ziehen, wird der exponentielle Wachstumspfad verlassen. Je schneller und gerader die Linie nach unten zieht, desto besser.

Berühren Sie die Kurven, um Länder hervorzuheben.

1'00010'000100'0001'000'00010'000'000101001'00010'000100'0001'000'00010'000'000Unkontrolliertes exponentielles WachstumAustralienAustralienÖsterreichÖsterreichBelgienBelgienChinaChinaFrankreichFrankreichItalienItalienSüdkoreaSüdkoreaNiederlandeNiederlandeSchweizSchweizNeue Fälle (Ø über 7 Tage)Fälle insgesamt

Die Grafik zeigt, wann Länder den Pfad des exponentiellen Wachstums bei den bestätigten Covid-19-Fallzahlen verlassen haben. Der Trick: neue Fälle werden den kumulierten in einer doppelten logarithmischen Skala gegenübergestellt. Nationen, in denen die Entwicklung entlang der gestrichelten, diagonalen Schräge verläuft, sind mit exponentiellem Tempo unterwegs. Der Vergleich der Entwicklung der Fallzahlen lässt sich visuell am deutlichsten zeigen, wenn man sie auf einer logarithmischen Achse darstellt. Auf solch einer Skala wird nicht der Zahlenwert einer Grösse abgetragen, sondern der Logarithmus desselben. Die Y-Achse – und in diesem speziellen Fall auch die X-Achse – wird gestaucht und ermöglicht es, grössere Wertebereiche übersichtlich darzustellen. Angezeigt werden ausgewählte Länder mit über 10000 bestätigten Fällen plus Japan und Singapur.

Die am stärksten betroffenen europäischen Staaten haben es alle geschafft, den Pfad des ungebremsten Wachstums zu verlassen – zumindest für den Moment. Italien (über 30’000 Tote) und Spanien (über 26’000 Tote) konnten die Kurven nach langem exponentiellem Wachstum endlich zum Abflachen bringen. Es war ein langsamer Rückgang, der zeigt: Wer zu lange mit strikten Massnahmen wartet, benötigt auch länger, bis der Ausbruch unter Kontrolle ist – und die Schäden sind auch dementsprechend grösser. Italien hatte zudem das Pech einer unbemerkten Verbreitung des Virus im Land, so konnte nicht mehr zeitnah reagiert werden. In beiden Ländern gehen die täglichen Neuinfektionen nun deutlich zurück, auch die täglichen Todesfälle sind rückläufig. Das gleiche gilt auch für Frankreich: Die meisten Massnahmen zur Eindämmung laufen am 11. Mai aus.

Deutschland bewegt sich bei den Fallzahlen und der Dynamik in einem ähnlichen Feld, doch die Anzahl der Todesfälle ist viel tiefer und die Spitäler hatten immer reichlich Kapazitäten. Das deutet darauf hin, dass die Dunkelziffer an nicht erfassten Fällen in Spanien, Italien und Frankreich gross sein muss.

Die zu Beginn stark betroffenen Länder China und Südkorea haben die Ausbreitung des Virus weitgehend gestoppt. China ging radikal vor, als es alles abriegelte. Die Massnahmen haben die weitere Ausbreitung des Virus wirkungsvoll verhindert. Auch Südkorea hat extrem früh reagiert, um das Coronavirus zu bekämpfen. Das Motto lautet: Testen, testen, testen, ein rigoroses Contact-Tracing und moderne Datenüberwachung. Südkorea hat es geschafft, ohne Ausgangsverbot und extreme Einschränkungen die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Auch die Schweiz, Israel, die Niederlande und Belgien haben aus der rasanten Steigung von neuen Fallzahlen ausbrechen können – Österreich schneller und entschiedener als andere. Das Land hatte besonders früh auf das Coronavirus reagiert, blieb von Kapazitätsüberlastungen in Spitälern verschont und lockerte als eines der ersten Länder die Massnahmen. Auch die Tschechen durften erste Geschäfte wieder öffnen. Norwegen hatte Mitte März relativ früh mit strikten Massnahmen auf die Corona-Krise reagiert und konnte die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 damit stark verlangsamen. Auch in Australien ist eine klare Verlangsamung der Coronavirus-Ausbreitung zu sehen – obwohl dort gerade Herbst ist.

Die Schweiz befindet sich auf dem Weg einer schrittweisen Normalisierung des öffentlichen Lebens: Ab dem 11. Mai öffnen Schulen und weitere Geschäfte. «Die Pandemie ist noch nicht besiegt. Der Weg stimmt, aber am Ziel sind wir noch nicht», hielt Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga fest.

Gruppe 2: Ungebremst

Anzahl täglicher Neuinfektionen verglichen mit der Anzahl aller Fälle, logarithmische Skalen
1'00010'000100'0001'000'00010'000'000101001'00010'000100'0001'000'00010'000'000Unkontrolliertes exponentielles WachstumBrasilienBrasilienIndienIndienRusslandRusslandSaudi ArabienSaudi ArabienNeue Fälle (Ø über 7 Tage)Fälle insgesamt

Die Fallzahlen in Indien, Brasilien, Peru und Mexiko befinden sich auf ungebremsten Wachstumspfad. Brasilien steuert als erstes Land in Lateinamerikas auf 10’000 Todesfälle zu. Der rechtskonservative Präsident Jair Bolsonaro gerät immer wieder in die Schlagzeilen, weil er die Gefährlichkeit des Virus herunterspielt. Indien hat inzwischen mehrere Brennpunkte abgeriegelt und in Teilen des Subkontinents eine Maskenpflicht eingeführt. In der Hauptstadt Delhi wurden mindestens 20 Orte abgeschottet, die besonders dicht besiedelt oder normalerweise stark besucht sind. Inzwischen gibt es mehr als 46'000 bestätigte Covid-19-Fälle, davon sind 1500 Menschen an der Lungenkrankheit gestorben.

In Russland ist vor allem Moskau stark betroffen. Nachdem Wladimir Putin der Welt lange glauben machen wollte, man habe die Lage unter Kontrolle, hat Covid-19 das Land nun voll erfasst: 160’000 bestätigte Fälle und über 10’000 Neuinfektionen täglich haben die Umfragewerte des Präsidenten auf einen Tiefststand geschickt.

Gruppe 3: Hoffnungsvoll

Anzahl täglicher Neuinfektionen verglichen mit der Anzahl aller Fälle, logarithmische Skalen
1'00010'000100'0001'000'00010'000'000101001'00010'000100'0001'000'00010'000'000Unkontrolliertes exponentielles WachstumKanadaKanadaDänemarkDänemarkJapanJapanPortugalPortugalSchwedenSchwedenUKUKUSAUSANeue Fälle (Ø über 7 Tage)Fälle insgesamt

Obwohl Grossbritannien mit 30’000 Todesfällen das am stärksten betroffene Land Europas ist, hat Premier Boris Johnson angekündigt, mit der «zweiten Phase» des Kampfes gegen das Coronavirus zu beginnen: auf erste Lockerungen für Freizeitaktivitäten am 11. Mai sollen weitere Schritte Mitte Monat folgen. Auch die Kurve der USA beginnt sich langsam nach unten zu krümmen.

Uneindeutig ist die Lage in Schweden. Im Gegensatz zu seinen skandinavischen Nachbarn verfolgt das Land eine freizügigere Strategie im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2: Man darf im Land weiter in Restaurants und Cafés gehen, Schulen und Kindergärten sind ebenfalls nach wie vor offen. Öffentliche Versammlungen sind erst ab mehr als 50 Personen untersagt. In Dänemark ist die bis April deutliche Abnahme der Neuinfektionen ins Stocken geraten.

Singapur – der vielgerühmte Musterknabe in der Bekämpfung der Epidemie – findet nur zaghaft aus der Krise heraus. Seit März nehmen die Krankheitsfälle plötzlich wieder rapide zu. Das oft gelobte Contact Tracing des Stadtstaats stösst nun an seine Grenzen, die Ansteckungswege sind kaum mehr nachvollziehbar. Es zeigt auch exemplarisch: Das Virus kann immer wieder zurückkehren.

Auch Japan schien das Virus lange unter Kontrolle zu haben. Zwar sinkt auch hier die Zahl der Neuinfektionen; dennoch hat die Regierung den Notstand bis Ende Mai verlängert.

Todesfälle

Anzahl der täglichen durch Covid-19 verursachten Todesfälle verglichen mit der Anzahl aller durch Covid-19 verursachten Todesfälle, logarithmische Skalen
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