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Die Schweiz ist auch bei den Covid-Todesfällen an der Weltspitze

In der Schweiz sterben pro Tag zurzeit knapp 80 Personen an Covid-19. Die aktuelle Übersterblichkeit ist hoch. So steht das Land im internationalen Vergleich da.

Marc Brupbacher, Patrick Vögeli, Sebastian Broschinski und Janine Hosp
Aktualisiert am 2. Dezember 2020

Über 5000 Personen sind in der Schweiz gemäss den Angaben aus den Kantonen bis heute nachweislich an Corona gestorben, und bis Ende Jahr wird diese Zahl noch deutlich steigen – die zweite Welle erweist sich als viel tödlicher und hartnäckiger als die erste. Starben im Frühling bis Sommer rund 2000 Personen, so sind es nun seit Herbst schon über 3000. Allein im November starben 2500 Menschen an Covid.

Zwar sinkt die Zahl der Neuansteckungen in vielen Westschweizer Kantonen weiter, die Todesfälle werden diesem Trend aber nur mit Verzögerung folgen. BAG-Direktorin Anne Lévy erklärte dies so: Wenn sich eine Person infiziert hat und gesundheitliche Probleme bekommt, dauert es im Durchschnitt neun Tage, bis sie sich ins Spital begeben muss, weitere drei Tage, bis sie auf die Intensivstation verlegt wird, und fünf Tage, bis sie stirbt.

In den Deutschschweizer Kantonen ist hingegen der Rückgang der Fallzahlen stagniert, in vielen steigen sie gar wieder und damit mit Verzögerung auch die Todesfälle.

Zurzeit sterben in der Schweiz jeden Tag rund 80 Personen an Covid, auf dem Höhepunkt der ersten Welle waren es 63 im Wochenschnitt.

Damit gehört die Schweiz momentan zu jenen Ländern mit der höchsten Todesrate weltweit. Diese ist gar noch höher als in den USA, Grossbritannien oder in Spanien.

Über den ganzen Zeitraum der Pandemie betrachtet liegt die Todesrate der Schweiz auf Rang 22. Da zurzeit aber überdurchschnittlich viele Personen sterben, wird sie in der Rangierung wohl weiter vorrücken.

Die Mehrzahl der verstorbenen Personen war über 80 Jahre alt und männlichen Geschlechts, sowohl während der ersten Phase als auch aktuell. Je mehr Fälle es gibt, desto wahrscheinlicher werden aber auch Todesfälle unter jüngeren Personen: In den vergangenen drei Wochen wurden fünf Verstorbene in der Alterskategorie 30-49 vermeldet.

97 Prozent der Verstorbenen litten an mindestens einer Vorerkrankung. Die drei am häufigsten genannten waren Bluthochdruck (62%), Herz-Kreislauf-Erkrankungen (60%) und Diabetes (26%). Auch da gibt es im Vergleich zur ersten Welle keine Unterschiede.

Die zweite Corona-Welle trifft wiederum vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Das Virus wurde in vielen Kantonen in die Heime eingeschleppt und breitet sich dort aus. Im Kanton Bern sind derzeit über 60 der knapp 300 Alters- und Pflegeheime betroffen. In der Stadt Zürich sind während der zweiten Welle bislang in 12 der 31 Alters- und Pflegezentren Bewohnende positiv auf das Coronavirus getestet worden. Offenbar greifen in der Schweiz wie im Frühling die Schutzmassnahmen in den Pflegeheimen nur schlecht.

Todesfälle in der Schweiz nach Altersgruppen

Total
2. Welle (ab 1. Juni)

Die Schweiz verzeichnet zurzeit auch eine aussergewöhnlich hohe Übersterblichkeit. In der Woche vom 15. bis 22. November zeigten sich in der Gruppe der Personen ab 65 Jahren erneut Todesfallzahlen deutlich über dem langjährigen Erwartungswert. Das Bundesamt für Statistik (BFS) prognostiziert im Normalfall 1161 Todesfälle für diese Zeit. Es waren nun aber 1830 Todesfälle, 680 mehr (+58%) als erwartet worden waren. In der Woche davor waren es 62 Prozent mehr Todesfälle gewesen, vom 1. bis 8. November sogar 63 Prozent mehr. Die zweite Corona-Welle verläuft deutlich tödlicher als die erste Welle. Die Kurve der Übersterblichkeit bleibt hoch und krümmt sich weniger schnell als noch im Frühling.

Die Sterblichkeits-Kurve überschreitet nun die fünfte Woche in Folge die Obergrenze, die auf der Grundlage der zu dieser Jahreszeit üblicherweise erfassten Todesfälle berechnet wurde. In der Altersgruppe der unter 65-Jährigen gibt es zurzeit keine aussergewöhnliche Sterblichkeit.